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Die Text-Bildschere


Scheren liegen auf einem Haufen
Scherenberg, © Hans-Jörg Walter/Ex-Press AG

Wer mit dem Medium Bild und mit Textmenschen zusammenarbeitet, kennt das: Ein Aufschrei, ein Entsetzen, der Satz: «Da ist sie wieder, die Text-Bild-Schere!» Das passiert immer dann, wenn auf einem Bild etwas anderes zu sehen ist, als was der Titel oder die Bildunterschrift beschreibt. Und weil Textmenschen stolz auf ihre Buchstaben sind, muss meistens das Bild ausgetauscht statt am Text geschraubt werden. In Journalismusausbildungen und bei den Kommunikationsmenschen steht Text im Mittelpunkt, Bild wird zwar behandelt und als wichtig betrachtet, bleibt aber irgendwie ein Mysterium. Denn da gibt es keine Orthografie, keine Grammatik und keine Autokorrektur.


Der Begriff «Bild-Text-Schere» wurde anfangs der 1970er-Jahre von dem Medienwissenschaftler Bernward Wember geprägt – und das in einem ganz anderen Medium: dem Fernsehen. Wember wollte damit zeigen, dass gesprochene Nachrichteninhalte nicht mit irgendwelchen Bildern begleitet werden sollen, sondern dass Bilder dabei helfen, den Inhalt zu verstehen. In einer Untersuchung liess Wember Zuschauer Filmbeiträge betrachten und befragte sie nach dem Erinnerten. Die Bewegtbilder in einem seiner Beispiele widersprachen der Aussage nicht, sie unterstützten sie aber auch nicht. Es gab oft keine Beziehung zwischen Bild und Text. Die visuellen Eindrücke fungierten nur als Bildteppich, der die Aufmerksamkeit des Publikums stark auf sich zog.



Das Resultat: Das Publikum erinnerte sich fast nicht mehr an den Text, aber an die Bilder. Dennoch glaubte es sich gut informiert. Hier spreizt sich eine Schere der Wahrnehmung.


Was Wember anschaulich belegt und für das Nachrichtenfernsehen seine Richtigkeit hat, wird nun als Killerkeule in den Redaktionsstuben der Standbildmedien geschwungen. Es gibt schlimme Beispiele, wo Bild und Text überhaupt nicht zusammen funktionieren, doch es gibt ganz viele, die genau das Gegenteil machen. Da muss der Verstand Sachen zusammenbringen, die erstmal nichts miteinander zu tun haben. Die Aha-Erlebnisse, die daraus entstehen, können wichtiger und intensiver funktionieren als das Textverständnis.


Und das hat viel mit unserem wichtigsten Wahrnehmungsorgan zu tun, welches vielen von uns geschenkt wurde: dem Gehirn. Dieses Organ will alles zusammenbringen, es will verstehen. So ist es permanent damit beschäftigt, Gesehenes, Gehörtes, Gelesenes und Gefühltes miteinander zu verbinden.


So kann eine hübsche Text-Bild-Schere intensive Erlebnisse beim Betrachter hervorrufen und sogar die Aussage des Textes um ein Vielfaches verstärken. Aber das setzt voraus, dass die Bildredaktion dem Keulenschwinger gut entgegnet. Das Argument «Gehirn» zieht meistens.

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